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zoozee [userpic]

Mama ist fast 80 und sehr krank.

June 12th, 2013 (09:24 pm)

MP3s kaufen für kleines Geld. Staub auf der Tastatur. Zwischen den Tasten sind kleine Sinnlostasten, die man nie berührt, weil dann nichts passiert. Dort liegt er, der Staub. Sulk im Player. Die Laptopboxen kapitulieren, meine Gedanken schaukeln auf der Gitarre. Es ist, als hätte ich durch das ganze fantastische Album hindurch nur auf diesen Song gewartet. Wünsche mir einen, der jetzt an die Tür klopft und rein will und mithören will und mitgehen will, mitfliegen, nach Afri- od Ameriko, nach ganz weit weg, in ein anderes Leben, eines, in dem alles anders gelaufen ist, keine Schuld, keine Sühne, kein Versagen, keine Lethargie, keine Angst. Alle sind gesund, alle stark, schön, klug, schnell, viel, sehr viel und doch immer noch so wenig von all dem, was sein könnte. Und wir haben noch nicht genug, wir wollen noch viel weiter, mehr, schöner, klüger, stärker, wir fliegen zum Mars, erfinden eine neue Galaxie, ein neues Bewußtsein, einen Sinn, endlich einen Sinn, damit wir noch weiter wollen können, noch immer mehr und weiter und schöner. Es soll alles schön sein, unterüberirdisch schön, unberührbar schön, so schön, daß wir es nicht verstehen können, keinen Namen dafür erfinden können, kein Buch darüber schreiben, keine Fakultät dafür einrichten können.

Ich muß aufhören, muß sofort Lem lesen, meine Rettung. Ich werde alles vergessen, all das Gezappel um ein bißchen Geld, ein bißchen Liebe und wenigstens ein einziges, kleines, glückliches Gefühl am Tag; um ein paar Minuten ohne Schuld, ohne Ekel vor sich selbst und allem anderen.

Aber vorher muß ich noch Bier trinken. Und diesen Text lesen. Und meine Kreativität bewundern, was ich doch zu leisten vermag in all dieser Negativität. Wörter, aus tiefstem inneren Elend geboren; kann man es auch sehen und verstehen? Ich finde es wunderbar abgründig und wälze mich in Bewunderung für mich, ja, es gibt noch einen Sinn, einen Grund, auf dem ich stehen kann: Man wird dies lesen eines Tages und für exzellent befinden, Kritiker werden sich überschlagen, werden sezieren und analysieren, werden in meiner Vita wühlen, ich werde Interviews in renommierten Publikationen geben, werde 10 wichtige oder philosophische oder literarische oder absurde Fragen beantworten, die man in einem kleinen Bändchen kaufen und dann verschenken kann. Ein Bändchen, in dem auch von 10 oder 100 oder 10000 anderen, einigartigen, genialen Autoren Antworten stehen. Und junge Menschen werden dieses Bändchen kaufen, für kleines Geld, die Weisheiten aufsaugen und nicht wirklich verstehen, denn sie sind ja jung und vergeuden ihr Leben und wissen nicht, daß sie sterblich sind und leiden werden, bis sie endlich sterben dürfen. Es wird keine Gnade geben für mich oder irgendeinen.

Zum Glück wird das nicht geschehen, denn dieser Text ist nicht gut, ich bin kein Genie, ich werde nichts schreiben, was nicht schon da gewesen ist, die millionste Variante einer Familiensaga, den metaphysischen und doch so witzigen Krimi, noch einen Aufguss über Liebe, Tod und tiefgreifende Erkenntnisse; schmeckt schon schal, die alte Brühe, läßt dich zurück wie ein Fluß die in seinen Auen gebauten, versifften Häuser und Habschaften nach einem Hochwasser.

Vielleicht werde ich ein Buch schreiben über den Sondermüll, den der Mensch und seine überflüssigen, verheerenden Umtriebe in der Ewigkeit hinterläßt. Oder ich werde einfach nochmal dieses Album hören und noch ein Bier trinken, oder 15 Bier, ich trinke und rauche und sitze, bis ich einfach platze.